Jetzt bin ich seit fast 1 ½ Wochen zurück in Deutschland.
Es ist schon etwas ganz anderes, jeden Morgen Zuhause aufzustehen und zur Arbeit zu fahren, als die Zeit, die ich auf dem Jakobsweg verbracht habe. 25 Kilometer beträgt mein Weg zur Arbeit ... 25 Kilometer ... mit dem Auto in 30 Minuten oder je nach Verkehr, auch mal etwas länger.
25 Kilometer waren auch auf dem Jakobsweg häufig meine Tagesetappe. Dafür habe ich zwischen 6 und 8 Stunden benötigt ... oder auch mal länger, wenn die Pausen so schön waren, dass der Tag nicht enden wollte.
Auf meinem Weg nach Santiago hatte ich so viele tolle Momente ... fast nur tolle Momente! Jeden Tag habe ich es genossen mich aus dem Schlafsack zu schälen, durchs Bad zu huschen, den Rucksack zu packen, die Stiefel zu schnüren und loszugehen ... loszugehen, allein um anzukommen.
Es war wirklich eine tolle Zeit. Für mich gab es keinen Tag des Zweifels; keinen Tag, an dem ich nicht gerne losgehen wollte; keinen Tag mit schlechter Laune oder schlechter Stimmung ... es ist fast nicht zu glauben, aber es waren für mich 39 tolle und auch sehr glückliche Tage (1 Tag Anreise, 34 Tage auf dem Camino, 3 Tage "feiern" und 1 Tag Abreise).
Auch verging die Zeit so schnell. Die Tage waren so kurzweilig und interessant, dass kaum Zeit blieb, all die Momente zu verarbeiten.
Ganz besonders waren die Menschen, die ich auf dem Weg getroffen habe. So wunderbare Menschen. Vielen bin ich nur in einem kurzen Moment begegnet. Ein "Hola, buenos dias" und ein "buen Camino" ... ein Lächeln und schon waren die Begegnungen wieder vorbei. Aber da waren auch die vielen anderen Begegnungen ... die vielen sehr persönlichen Gespräche; die Momente in denen man gemeinsam gelacht oder diskutiert hat; die Momente, in denen man sich anlehnen konnte ... die vielen Freundschaften!
Man muss sicherlich nicht den Camino gehen, um so viele tolle Menschen zu treffen, aber ich bin froh, dass ich dort war; dass ich genau in dieser Zeit vor Ort war; dass ich genau diese Menschen getroffen habe. All diese Begegnungen waren für mich sehr schön und ich habe mich ehrlich gefreut. Ich habe mich gefreut, viele mehrfach getroffen zu haben und auch mit vielen über eine längere Zeit gewandert zu sein. "Allein Ihr habt für mich den Weg zu etwas ganz Besonderen gemacht! Vielen Dank, dass ich Euch kennenlernen durfte und vielen Dank für die wunderschöne Zeit. Auch wenn die eine oder andere 'sprachliche Barriere' es verhindert hat, mit einigen von Euch noch intensivere Gespräche zu führen, so hab Ihr mir doch zu verstehen gegeben, dass ich verstanden wurde. Vielen Dank für Alles!"
Manchmal reichen auch Gesten und Emotionen, um das auszudrücken, was man fühlt oder denkt ... um verstanden zu werden; um zu kommunizieren. Aufmerksamkeit und Verständnis, waren auch die Eigenschaften, die mich ganz besonders auf dem Camino beeindruckt haben.
Vielleicht betrachten viele ein 'wie geht es Dir?' nur als Floskel, aber all zu häufig war es auch ehrliche Besorgtheit. Die Sorge um den Menschen, der einem gegenüber stand. 'Geht's dir gut?' ... 'Was machen die Blasen?' ... 'Ist der Fuß wieder besser?' ... 'Wie fühlst Du Dich?' ... 'Wie geht es Dir?' ... ganz ehrliche und sehr persönliche Fragen. Fragen, die ich hier Zuhause nicht so häufig höre oder stelle ... schon gar nicht Leuten, die ich kaum kenne.
Und genau das macht den Camino aus, die Menschen; die Gespräche; die Aufmerksamkeit; die Hilfe, die man anderen zukommen lässt oder selbst bekommt. Mal ist es nur ein Blasenpflaster oder ein Stück Tape, mal etwas Sonnencreme oder ein Müsliriegel ;-) ... mal ist es auch ein Arm der uns hält ... der uns drückt, mal ist es eine Schulter zum anlehnen oder eine Schulter zum weinen. Jeder von uns war froh, wenn jemand da war ... jemand uns geholfen hat ... jemand uns gehalten hat.
Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich Helen und Ian, die ich längere Zeit nicht gesehen hatte, wieder getroffen habe. Mein damaliger Tag begann nicht ganz so toll. Das Wetter spielte nicht so mit, dann eine lange Pause in einem Restaurant. Dann kam die Sonne raus, dann kam der "Eisbär" vorbei ... und ich war wieder gut drauf ... dann sah ich die Beiden ... ich stand an einer vielbefahrenen Straße ... kam nicht rüber und "hüpfte" freudig herum, um auf mich aufmerksam zu machen. Als ich endlich über die Straße gehen konnte und meine Freude zum Ausdruck brachte, sah ich, dass es Helen nicht gut ging. Sie hatte an diesem Tag heftige muskuläre Beschwerden und befürchtete die Reise abzubrechen zu müssen. Ich drückte sie, drückte Ian. Wir redeten ... machten Scherze und lachten. In Santiago erfuhr ich dann von Helen, dass ich sie mit meiner Freude "angesteckt" habe und dass auch sie sich sehr gefreut hat, mich an diesem Tag ... in diesem Moment wiederzusehen. Nach unserer Begegnung schöpfte sie neue Kraft, schaffte den Weg bis zur Herberge und konnte sich wieder erholen.
Ein Moment der Begegnung, an den ich mich sehr gut erinnern konnte, dessen "andere Seite" ich jedoch erst viel später erfuhr. Ein Moment auf dem Camino. Ein Moment, in dem ich helfen konnte, ohne das es mir bewusst war ... ein Moment auf dem Camino!
Es gab auf dem Camino auch für mich so viele Momente, in denen irgendetwas passiert ist, was mir geholfen hat. Es gab so viele Momente in denen immer genau das Richtige passiert ist! Es mag sein, das ich vielen Kleinigkeiten auf dem Camino eine besondere Bedeutung beigemessen habe, aber er war schon bemerkenswert, dass kaum etwas "Negatives" vorkam. Gut, mal abgesehen von ein paar Wehwehchen ... aber vielleicht wollte ich auch einfach nur das alles gut wird oder das alles gut verläuft. Nur wenn das so einfach ist, warum kann man es nicht Zuhause im Alltag wiederholen? Warum ist auf dem Camino alles scheinbar so leicht und im Alltag vieles so schwer? ... ich denke es sind wir, die jeder Situation etwas Gutes oder Schlechtes beimessen und bei einer positiven und optimistischen Grundstimmung auf dem Camino, überwiegt halt das Gute ... also, wenn's so einfach ist ... nur zu Alltag ... komm ruhig ... ich bin gewappnet!