Dienstag, 21. August 2018

10. Etappe – Friol

30,2 km: Lugo, Friol

In den Kojen konnte man erstaunlich gut schlafen. Auch hielten sich die anderen Bewohner, mit der Geräuschkulisse beim morgendlichen Packen sehr zurück. 

Mein Wecker klingelte um 7 Uhr, da es gegenüber, ab 7:30 Uhr, Frühstück geben sollte. … die Betonung liegt auf  ‚sollte‘. Als Susanne und ich das Hostel verließen, war, im Restaurant gegenüber, nur ein Mann mit Aufräumen beschäftig. Ich fragte durch das offene Fenster nach einem Frühstück und bekam als Antwort: ‚Heute nicht!‘ 

Na toll, ca. 30 Kilometer ohne Frühstück und Wasser … nicht mit mir. Wir schauten uns im historischen Zentrum von Lugo um, konnten aber nirgends ein Café finden. Also, ab durchs Stadttor und rauf auf den Camino … frei nach dem Motto: ‚da wird schon noch ein Café kommen‘.

Und siehe da, da war auch schon ein Café. Gut, es gab nur einen Croissant und einen Schokoladenkuchen, aber immerhin einen Kaffee dazu. Ich kaufte noch zwei kleine Wasserflaschen und nach dem Frühstück ging es weiter. 

Dann kamen wir noch an einer Herberge vorbei, in der ich mir noch ein Bocadillo zum Mittnehmen kaufte. Leider gab es kein großes Wasser, so dass ich erneut zwei kleine Flaschen Wasser kaufte. 

Dann konnte es endlich losgehen. Viel später als erwartet. Es war zwischenzeitlich 8:20 Uhr … und definitiv viel später als ich unterwegs sein wollte. 
Brücke aus Lugo heraus
Zunächst verliefen beide Wege, der traditionelle Weg und die Wegalternative - die ich gehen wollte - noch zusammen. 

Susanne und ich gingen das Stück gemeinsam. Dann trafen wir auf Geatano. Ich hab mich gefreut meinen italienischen Freund noch einmal zutreffen. Nach wenigen Metern trennten sich aber unsere Wege. Eine kleine Verabschiedung folgte und schon musste es weitergehen.
Wegtrennung: links traditionell, rechts Alternative über Friol
Für die nächsten zwei Tage gehe ich nun ‚grünen Pfeilen‘ hinterher.
ab hier wird's "grün"
Mit meinem Reiseführer in der Hosentasche ging ich von nun an weiter. Verlaufen ist unnötig und kostet zu viel Kraft. 

Ich fand an den, im Reiseführer beschriebenen Stellen, auch die passenden Wegmarkierungen. Bisher lief es gut und ich kam zügig zu einem Weg, der parallel zum Fluss ’Mera‘ entlang führte. Lt. Reiseführer einem der schönsten Streckabschnitte. Ja, das kann mal wohl sagen, aber von 4.327 Fliegen wurde nichts erwähnt. Es summte und schwirrte nur so um mich herum. Etwas nervig war es schon, aber ich konzentrierte mich auf die superschöne Flusslandschaft.
auf geht's nach Friol
Auf, zum Teil, holzbrückenartigen Konstruktionen ging es durch den Wald. Immer entlang des Flusses. Dieser Weg war nicht nur sehr schön, sondern auch sehr aufwendig gestaltet. Nur auf die bereits erwähnten Fliegen, hätte ich verzichten können.
der Weg am Fluss entlang
Nach fast einer Stunde war ich aus dem ersten Abschnitt raus. Ich machte eine Pause und trank etwas. Es war zwar nicht sonnig, aber dennoch schwülwarm. 

Als ich so da stand, kam Kean aus Irland vorbei. Er fragte mich, wieviel Pilger ich bereits getroffen habe. Ich sagte ihm, dass er heute der Erste ist. Ja, die Massen sind auf diesem Teilabschnitt nicht unterwegs.

Wir unterhielten uns fast eine halbe Stunde bevor er weiterzog. Auch ich startete kurze Zeit nach ihm.
alles wird gut!
Der Weg führte nun mehr durch eine Art Dickicht. Man musste sich zum Teil schon durch das Grünzeug durchkämpfen. Brombeersträucher und andere stachelige Pflanzen und Brennnesseln freuten sich über soviel Trefferfläche meines Körpers. Wie ein Samurai wehrte ich die Pflanzen mit meinen Stöckern ab.

Dann war es geschafft, raus aus dem Wald und rein in Dorf. Der Weg führte leicht bergauf und auch hier sollten Gefahren lauern.
unterwegs
Schon von der Ferne hörte ich lautes Hundegebell. Es mussten mehrere Tiere sein. Dann sah ich Kean, der verzweifelt versuchte an den Hunden vorbei zukommen. Er gab es dann aber auf, kam zu mir und sagte, dass dort kein Durchkommen möglich ist. 

Ich schaute mir die ‚Kleffer‘ an. Es war nur ein heller, ca. kniehoher Hund, der hier den Ton angab. Die anderen 5 erschienen mir harmlos. 

Ich versuchte daher meine bewehrte Hunde-verscheuch-Technik … ich machte mich klein, nahm die Arme und die Stöcke zur Seite und rannte plötzlich mit einen lauten Geschrei auf den ‚Kleffer‘ zu. Das Tier war so verdutzt, dass es wegrannte und mit ihm zusammen auch die gesamte Meute.

So, nun war ich eindeutig Kean‘s Held und er wich mir nicht mehr von der Seite. Wir gingen bergauf und bergab im Gleichschritt, machten zusammen Pause und wir redeten über alles mögliche.

Zwischendurch gingen wir in einer Herde Kühe, ganz so, als ob er normal ist. Wobei ich die Hörner der Kühe doch als ziemlich beeindrucken empfand. Warscheinlich dachte Kean, dass ich auch ein Hobby-Torero bin und fühlte sich daher sicher. ;-)
"Stau"
Gegen 12:45 Uhr erreichten wir Santa Eulalia de Bóveda, eine spätromanische Kirche aus dem 4. oder 5. Jahrhundert. Da Kean 3 Jahre in Spanien gearbeitet hat, konnte er einen älteren Herrn überreden, uns die Kirche zu zeigen. 
Santa Eulalia de Bóveda
Die erst 1926 wiederentdeckte Kirche, ist insbesondere durch die Malereien (Darstellungen verschiedener Vögel) ein ganz bedeutender Kulturschatz. Wir waren sehr beeindruckt von diesem ganz besonderen Ort.
Zeichnungen der Römer
Nach einer ausgiebigen und ganz besonderen kulturellen Note, gingen wir weiter. 

Die Sonne brannte wieder unaufhaltsam und so brauchte ich bald wieder eine Pause. Kean ging so dann „ohne meinen Schutz“ weiter.

Meine zwei Liter Wasser gingen langsam zu Ende. Ich quälte mich bei gefühlten 40 Grad über eine Anhöhe, in der Hoffnung, dass bald die einzige Bar kommen würde … aber nichts kam.
kein Sonnenschutz, kein schatten
warm war's
heiß wird's
Dann stolperte die Anhöhe auf einem steinigen Feldweg wieder hinab und sah, unten angekommen, eine Bank. Dort legte ich erneut eine Pause ein. Noch hatte ich ca. ein Glas Wasser. Dass war alles, was von zwei Litern übrig war.
Pause im schatten
Ein Auto hielt neben mir. Eine Frau stieg aus und ging zu ihrem Wohnhaus. Dann kam sie zurück und fragte mich: ‚You need Agua?‘  ‚Ja, sehr gerne‘  und streckte ihr zwei halb-Liter-Flaschen hin. Sie kam mit einer großen Wasserflasche aus dem Haus und füllte meine  beiden Flaschen auf. Ich bedankte mich herzlich bei ihr und setzte meinen Weg fort, aber nicht ohne noch einmal freundlich zu winken. Sie rief mir noch ein ‚buen viaje‘ (gute Reise) hinterher. Ich freute mich riesig und war wieder beschwingt unterwegs.

Tja, ich denke zu so viel Hilfsbereitschaft muss man nicht mehr sagen! ... Danke!
folge den "grünen Pfeilen"
Gegen 16:15 Uhr erreichte ich Friol. Den Liter Wasser der Frau hatte ich da bereits getrunken und mehrfach wieder ausgeschwitzt. 

Ich schaltete mein Smartphone ein und navigierte gezielt zum nächsten Supermarkt. Dort kaufte ich ½ Liter Cola, 1 ½ Liter eines isotonischen Getränks und 1 ½ Liter Wasser. 
Alles meins! Endlich ... was zu trinken!
Ich setzte mich auf den Bordstein und trank und trank und trank …

Anschließend ging ich noch 500 Meter bis zu der von mir vorgebuchten Pension. Kurz einchecken und rauf aufs Zimmer. Dann duschen, waschen und trinken.
Rathaus von Friol
fast da!
nur noch über den Fluss
Um 19 Uhr ging ich zum Abendessen und traf  dort Dieter aus Gelsenkirchen wieder. Dieter hat seinen Camino in Konstanz begonnen … ich hatte ihn ja bereits am Staudamm, vor wenigen Tagen, getroffen.

Wir hatten einen sehr schönen Abend und ein leckeres Essen … und ein großes Bier!

Erkenntnis des Tages: Spontane Hilfsbereitschaft ist etwas sehr Schönes!

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