Mittwoch, 28. September 2016

30. Etappe - Mercadoiro

23,4 km: San Mamede, Sarria , Barbadelo, Marzán, Morgade, Ferreiros, Mercadoiro 

Wieder einmal waren wir nicht die Ersten, die sich heute morgen auf den Weg gemacht haben. Frühstück gab es im Aufenthaltsraum, zur Selbstbedienung. 

Gestärkt machten Diana und ich uns leicht zeitversetzt auf den Weg. Heute wollten wir mal bis Sarria alleine gehen. Zur gewohnten Zeit, also gegen 8:30 Uhr war ich unterwegs. 

Da wir von der Höhe nur auf noch auf 500 Meter waren, war es nicht mehr so kühl, wie noch vor Tagen. Leichter Nebel lag noch auf den Feldern und die Feuchtigkeit der Nacht lag noch in der Luft. 
Sarria war schnell erreicht und dort wartete ich auf Diana in einem Kaffee am Wegesrand. Es war noch ein halbstündiger Weg durch Sarria, bis das historische Zentrum erreicht war. In einem italienischen Restaurant holten wir uns einen Stempel für den Pilgerpass, da einem niemand genau sagen kann, ob wir nun ab Sarria, also auf den letzten 100 Kilometern einen oder zwei Stempel Stempel benötigen, um die Compostela, also die begehrte Auszeichnung bzw. Bestätigung für die erfolgreiche Begehung des Jakobswegs, zu erhalten. Also werde ich ab heute mindestens zwei Stempel pro Tag sammeln. Da mein Pilgerpass ohnehin fast voll ist, hatte ich mir bereits einen zweiten besorgt, der von nun an mit zu befüllen ist. 
Kunst in Sarria

Sarria
Aus Sarria führte der Weg über einen Hügel, dann steil bergab, über eine Brücke, in ein Waldstück. Das Rauf und Runter war recht anstrengend, so dass ich schon bald mein Langarmshirt verstauen konnte. 

Wir überquerte  eine Eisenbahnlinie und gingen mal wieder steil bergauf. Galizien zeigte sich auch auf diesem Teilstück wieder einmal von seiner hügeligen Seite. Durch den vielen Regen ist Galizien zu dem sehr grün. Viele Wälder und grüne Wiesen säumten auch heute unseren Weg.
fast in Rente! ;-)
In einem kleinen Dorf hinter der Ortschaft Rente, trafen wir in einem Restaurant auf Lennard. Unverkennbar in einer kurzen Hose mit einer HSV-Raute, war er sehr einfach als Deutscher zu identifizieren. Ich sprach ihn daraufhin an und wir gingen gemeinsam weiter. O.k. Lennards Tempo entsprach nicht ganz dem unsrigen, aber er gab uns die Möglichkeit mitzuhalten. Unterwegs und bei einem weiteren kleinen Stopp am Wegesrand erzählte er, dass er in zwei oder drei Tagen in Santiago sein möchte. Definitiv zu schnell für Diana und mich, da wir die Planung gerade wieder entzerrt hatten, so dass wir im Schnitt nur noch pro Tag 25 Kilometer zurücklegen müssen ... wobei „müssen“ ist wohl der falsche Ausdruck …
Lennard, Diana und ich (v.l.)
Ja, vier Tage und dann … bin ich in Santiago. Heute kamen wir an dem 100-Kilometer-Stein vorbei. Der Wegmarkierung, die mir noch einmal vor Augen führt, dass ich bald da bin ... dass es nur noch 100 Kilometer bis Santiago sind.
100 Kilometer bis Santiago
Da zu sein … nach 800 Kilometern … anzukommen nach 34 Tagen … ein Gefühl, was noch so unfassbar ist. Aber auch unfassbar ist, morgens nicht mehr in 5 Minuten durchs Bad zugehen, die Schuhe zu schnüren und loszugehen. Mal 6, mal 8, mal 10 Stunden und mehr unterwegs zu sein. Leute zu treffen … Leute wieder zu treffen … all die Herzlichkeit, der Menschen am und auf dem Weg ... all dies endet in 100 Kilometern. … und dann … was dann???

Es gab nicht einen Tag, an dem ich gezweifelt habe. Es gab nicht einen Tag an dem ich mich über die Anstrengungen beschwert habe oder an denen ich über Wehwehchen geklagt habe. 

Für jemanden, der nicht auf dem „Weg“ ist, ist es eventuell nicht so einfach zu verstehen, aber wer erst einmal bis hierher gekommen ist, also bis zum 100-Kilometer-Stein, der hat bereits 700 beschwerliche Kilometer hinter sich und blickt mit großer Freude auf die letzten Wochen zurück. Freude über die eigene Leistung. Freude über die vielen tollen Menschen und Begegnungen und Freude über die Einfachheit wie das alles möglich ist. Einfach … mit 8 Kilogramm Gepäck … oder etwas mehr ;-) … man muss man nur losgehen.

Wer hier eine große Selbstfindung erwartet oder wer meint, dass er in der Einsamkeit der Meseta Lösungen findet, der wird sicherlich enttäuscht. Wer den Weg annimmt wie er ist, wird immer wieder schöne Momente erleben. 

Eventuell ist es etwas früh für ein Fazit oder einen Rückblick, aber genau das hat mich heute beschäftigt. Genau das bewirkte der 100-Kilomter-Stein bei mir. Ein Stein … eine Zahl … ein Moment … einer von vielen Momenten auf dem Camino!
"HaPe-Style"
Nebenbei waren wir gegen 15:30 Uhr in der Herberge angekommen. 

Beim Abendessen saßen wir erstmalig in einer großen Runde (ausschließlich deutschsprachig) zusammen. Eine Gruppe, die sich zufällig auf dem Weg getroffen hat und nun einen schönen Abend hatte ... das ist auch der Camino!

Erkenntnis des Tages: „Was für den einen nur ein Stein ist, ist für den anderen ein Gefühl!“